Kurz beschreiben, was ich sehen will – und in Sekundenschnelle ist es da: KI-basierte Bildgeneratoren machen dies möglich. Dabei galt die Kreativwirtschaft lange Zeit als ungeeignet für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Umso spannender, die Möglichkeiten nun selbst auszutesten. 

Seit einigen Monaten experimentiere ich mit verschiedenen dieser Tools, darunter die bildgenerierende KI von Midjourney.
In dem Forschungsprojekt verbirgt sich ein beeindruckendes kreatives Potenzial. Mit gezielten Schlagwörtern gefüttert, erstellt die Software Grafiken, Kunstwerke und teils atemberaubend surreale Kompositionen von Objekten aus einer Zwischenwirklichkeit. Zusätzlich können die Nutzer:innen mit Stichworten den Stil festlegen. Das WM-Finale 2014, gemalt von Leonardo da Vinci, eine futuristische Skyline im Dschungel oder eine hochauflösende Aufnahme eines frisch belegten Käsebrotes auf dem Star-Wars-Wüstenplaneten Tatooine –
mit KI geht alles.

Per Chat zum Bild 

Zugänglich ist die öffentliche Beta-Version über die Sprach- und Textchat-Plattform Discord – für die Gen Z das, was für mich ICQ oder Knuddels waren. Im eigenen Discord-Konto eingeloggt, verbinden sich die Nutzer:innen mit dem Chat-Bot von Midjourney und können sofort eigene Motive generieren. Eine weitere Möglichkeit sind die verschiedenen Channels des Servers. In diesen sind Bilder anderer sichtbar. Wer einen eigenen Discord-Server besitzt, kann den Midjourney-Bot aber auch seinem Server hinzufügen. Der Vorteil: Hier können die Nutzer:innen privat Motive erstellen, ohne dass andere sie einsehen und potenziell kopieren können. Gleiches gilt im Übrigen auch für Nutzer:innen einer Midjourney-Enterprise-Lizenz für 600 Dollar pro Jahr. 

Über das Chatfenster von Discord geben die Anwender:innen den Befehl „/imagine“ ein, gefolgt von den Schlagwörtern, die das gewünschte Motiv beschreiben. Auf dieser Basis erstellt die KI in wenigen Sekunden eine Bildauswahl. Im zweiten Schritt können die Nutzer:innen aus den vier Bildern entweder eine Variante auswählen und diese in höherer Auflösung errechnen lassen. Oder sie erzeugen mit dem Button „Variation“ weitere – nun, Variationen. Das ist beliebig oft möglich, bis das gewünschte Ergebnis erscheint. Zum Schluss steht das Bild über „Originale anzeigen“ in maximaler Auflösung zum Download bereit.  

Die Gratis-Version ist aktuell leider auf 25 Bilder begrenzt. Kostenpflichtige Lizenzen gibt es ab zehn Dollar pro Monat.
Für monatlich 30 Dollar können Interessierte unbegrenzt Bilder erstellen. Neue Alternativen sind Stable Diffusion und Dreambooth oder das bekanntere DALL·E 2 von OpenAI.
Die Software – ein Kofferwort aus dem Aufräumroboter WALL·E und dem spanischen Künstler Salvador Dalí – erstellt ebenfalls auf Grundlage von Wörtern visuelle Entsprechungen. Zudem ermöglicht sie das Ersetzen einzelner Bildelemente durch neue Eingaben oder erweitert per „Outpainting“ bestehende Bilder über ihre Rahmen hinweg. Richtig geil! Für die Zukunft ebenfalls vielversprechend ist die Google Imagen KI. Sie erstellt überzeugend realistische Bilder und Videos, aktuell sind aber nur Testbilder verfügbar.   

Werden Kreative obsolet?  

Meine Euphorie verwundert möglicherweise. Sollte mich Software, die ohne Probleme komplexe digitale Kunstwerke erstellt, nicht verunsichern? Droht womöglich bald die Automatisierung des gestalterischen Handwerks? Illustrator:innen klagen, weil ihre Stile teils als Trainingsmittel für KI-Tools dienen. Hier besteht noch Handlungsbedarf in der Rechtsprechung. Für konzeptionelles, schöpferisches Arbeiten im Sinne der Problemlösung können die Tools aber als nützliches Handwerkszeug genutzt werden.     

Kreation neu gedacht  

Bereits beim Entwickeln von Präsentationen, Kampagnen oder Produkten können wir mit KI ein Proof of Concept durchführen. Ein agiler Build-Measure-Learn Loop, der bereits im Kopf stattfinden kann. Das beschleunigt insgesamt unsere Arbeit und inspiriert zugleich für neue kreative Lösungen.  

Eines davon ist die aktuelle Kampagne der Deutschen Telekom zum Thema Internet of Things. Für die Digital X haben wir ausschließlich KI-generierte Motive eingesetzt. Bilder von Waldbränden und Wirbelstürmen, Aquarelle von Krankenhausfluren und den Kölner Dom im Wolkenmeer. Ergebnisse, die ohne Tool in dieser Form nicht entstanden wären. 

Verstehen wir die Künstliche Intelligenz als Form der Inspirationsquelle, als Sparrings-Partner, dann funktioniert das Konzept. Denn es wird weiterhin Menschen brauchen, um originär kreative Herausforderungen zu lösen. Zu diesem Prozess gehört es auch, offen zu sein für das Unbekannte und sich immer weiter auszuprobieren. Kunstwettbewerbe gewinnt künstliche Intelligenz jedenfalls jetzt schon – mal sehen, wohin uns die Reise führt.

Dieser Artikel ist auch als Gastbeitrag in der W&V-Novemberausgabe 2022 erschienen.  

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